Angst, Herausforderung oder beides? Rückblick.

 

Viele von euch wissen wahrscheinlich, dass ich bis 2017 als Realschullehrerin gearbeitet habe und 2018 aus dem Beamtenverhältnis ausgestiegen bin.
Mir wurde deutlich gezeigt, dass das nicht mein Weg ist...
Als ich im August 2020 gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte einmal in der Woche an der Schule zu unterrichten wurde erst einmal alles eng in mir.

Mein inneres Alarmsystem lief auf Hochtouren und ich dachte: Auf gar keinen Fall!
Doch hinter dieser Sorge und Angst war eine kleine, sanfte, neugierige Stimme, die sich Gehör verschaffte. "Willst du dir nicht erst einmal anhören um was es genau geht?", flüsterte sie mir zu.
Als ich gestern die letzte Doppelstunde WIR in der 5. Klasse unterrichtet habe wurde mir noch einmal bewusst was für ein Geschenk diese Herausforderung für mich war und ist.
25 Schülerinnen und Schüler vergewisserten sich noch einmal, ob sie wirklich keine Note von mir bekommen würden.

 

Ein Fach ohne Noten, in dem es um Themen geht wie Selbstwertgefühl, Stärken erkennen, Gruppenzugehörigkeit, Gefühle und um Fragen wie z.B. Was macht mir Freude? Was schätze ich an mir und meinem Leben und für was bin ich heute dankbar? Wie gehts mir eigentlich gerade wirklich?
Ja, ich glaube manchmal waren sie schon ein wenig genervt von "der stillen Minute," mit der wir in jede Stunde starteten. Nach ein paar Wochen jedoch forderten sie sie ein, genauso wie die Bewegungsmomente zwischendurch.
Es hat mich jede Woche neu gefordert in diese „alte Umgebung“ zurückzukehren, die so viele Erinnerungen mit sich bringt und trotzdem bin ich fast immer mit einem Lächeln aus der Schule herausgelaufen. Ich habe die Zeit genossen, in der wir aufgrund der Lage nur kleine Gruppen unterrichten konnten. Mein Gefühl war, dass manche Kinder da erst so richtig aufblühen konnten. Und ich hatte mehr Zeit für die einzelnen Kinder.

 

Die Klasse ist mir sehr ans Herz gewachsen und in der letzten Doppelstunde hat jede Schülerin und jeder Schüler eine kleine persönliche Rückmeldung bekommen – nicht was die Leistung angeht, sondern den Menschen an sich.

Das waren die Momente, die ich in der Zeit als Lehrerin schon so sehr geliebt habe – Kinder an ihre Stärken zu erinnern und sie dafür aufmerksam zu machen was sie für eine unendliche Kraft in sich tragen. Diese goldenen Samen zu säen, dass sie wachsen und gedeihen können ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir tun können.

Egal ob in der Schule, im Kindergarten, im Familienumfeld oder auf der Straße.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Andrea (Sonntag, 25 Juli 2021 14:28)

    Wieso gibt es nicht mehr solcher denkenden Lehrer/innen. Es freut mich zu hören, dass es für dich doch eine erfüllende Aufgabe war.
    Hoffentlich machst du weiter, es wäre eine Bereicherung für die Kinder.

  • #2

    Ayleen‘s Mama Klasse 5 (Montag, 26 Juli 2021 23:01)

    Liebe Frau Uhl,
    heute habe ich Sie durch die Erzählungen meiner Tochter Ayleen näher kennenlernen dürfen. Sie hat die positiven Eindrücke mit Freude aber auch mit Trauer, dass Sie nicht mehr unterrichten werden, erzählt. Auch das persönliche Feedback an die Kinder ohne Notenvergabe (Kinder sollen sich nicht unter Druck gesetzt fühlen) hat meine Ayleen mit Begeisterung erzählt.
    Ich möchte mich bei Ihnen ganz herzlich dafür bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen und viel mehr unseren Kindern mitgegeben haben, als Sie sich wahrscheinlich vorstellen können. Schön, dass es Sie gibt!!! Ich werde gemeinsam mit Ayleen ganz sicher an Ihren Kursen teilnehmen. Die Begeisterung von meiner Tochter hat mich selbst sehr berührt und glücklich gemacht.
    Danke!!!